Aktuelles


Vom Schicksal der
SOWIDOK und AK-Bibliothek Wien



Dr.in Madeleine Wolensky
(Bibliothekarin in der Sozialwissenschaftlichen Bibliothek)

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Neuzugänge in der Sozialwissenschaftlichen Bibliothek der Arbeiterkammer, wie zum Beispiel über E-Mail eingelangte biographische Beiträge über sechs ausgewählte Persönlichkeiten der österreichischen ArbeiterInnenbewegung von Peter Lhotzky, der als Bildungsfunktionär der SPÖ unbeirrbar tätig ist auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung, tragen sehr oft dazu bei, Bildungslücken zu schließen. Während Namen wie Marie Jahoda, Herta Firnberg, Rudolf Häuser und Karl Waldbrunner als bekannt vorausgesetzt werden dürfen, schaut es wohl bei Marie Emhart und August Forstner etwas anders aus: erstere, 1936 Angeklagte im Sozialistenprozeß, war nach 1945 Landtags-und Nationalratsabgeordnete, letzterer Reichsratsabgeordneter, gelernter Kutscher und Vorsitzender der Transportarbeitergewerkschaft.

Welche fatale Folgen der Bildungshunger und der damit verbundene Umgang mit Büchern haben kann, zeigt Lhotzky am Beispiel ebendieses Arbeiterführers August Forstner, nämlich dessen Enterbung durch seinen Fiaker-Vater, der den Sohn auf dem Kutschbock und nicht im Arbeiterbildungsverein oder später beim Redigieren des Kutscherfachblattes "Die Peitsche" sehen wollte. So wie dieser Vater hätten auch so manche andere Arbeiter kein Verständnis für folgenden Satz der 15-jährigen Vorzugsschülerin Herta Firnberg gehabt: "Lernen, Wissen, Verstehen sind die Grundpfeiler unseres geistigen Ich". Ebenso wenig hätten sie verstanden, daß für die begeisterte Leserin später  ein Traum in Erfüllung gehen würde durch ihre Tätigkeit in der Bibliothek am Institut für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften oder daß Marie Jahoda als Bibliothekarin in der Arbeiterbibliothek im Karl-Marx-Hof wirken würde! In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob dem  von Karl Waldbrunner mit seiner Aktion "Arbeiterkinder an Hochschulen"   angestrebten  Ziel,  nämlich dem  Abbau der Intellektuellenfeindlichkeit in der SPÖ, ein voller und bis in die Jetztzeit währender Erfolg beschieden war?  Warum ist es möglich, daß heutzutage, am 1. August 2001, der Kulturredakteur der "Presse" hämisch schreiben kann:

"Die Wiener Arbeiterkammer liquidiert ihr berühmtes, von jedermann kostenlos benützbares historisches Archiv. Sie rationalisiert kollektives Gedächtnis weg (...) Wissen ist Macht! Unter diesem Fahnenspruch errang die Arbeiterbewegung ihre nachhaltigsten Siege. In der Kammer wurden nicht nur Fakten zu Politik, Wirtschaft, Arbeitswelt gesammelt - auch kulturelles Wissen. Die Arbeiterbildungsbewegung war einst stolz darauf."

Mit diesem berühmten Archiv ist der historische Teil der Sozialwissenschaftlichen Dokumentation der Wiener Arbeiterkammer gemeint, das Tagblatt-Archiv, das u.a. aus folgenden Teilen besteht: aus dem Redaktionsarchiv der Arbeiter-Zeitung, aus dem Sozialarchiv der Wiener Arbeiterkammer, einst aufgebaut und geleitet von Wanda Lanzer, der 1964 aus dem schwedischen Exil zurückgekehrten Stieftochter Otto Bauers, und weiters aus dem Archiv des sozialdemokratischen Parlamentsklubs, geschaffen von Karl Renner, fortgeführt von Adolf Schärf, übernommen von der AK, die diese Sammlung, dieses unerwünschte Erbe, nun feilbietet und Verhandlungen mit verschiedenen Institutionen führt. Diese Verhandlungen bestätigt auch Klaus Dieter Mulley, Sekretär des AK-Präsidenten, in seiner Stellungnahme zum o.a. Presse-Artikel. Er bedauert allerdings nicht die geplante Auf- bzw. Übergabe des Tagblatt-Archivs, sondern kritisiert lediglich die Undankbarkeit der LeserInnen:

"Durch die Materialien und mit Hilfe der MitarbeiterInnen von SOWIDOK und SOZIALWISSENSCHAFTLICHER BIBLIOTHEK der AK wurden hunderte Dissertationen, Diplomarbeiten, Bücher und Artikel geschrieben. Nur in einem Bruchteil wurde die Hilfe der AK (oder ihrer MitarbeiterInnen) auch nur erwähnt, geschweige denn, dass irgendwem "gedankt" wurde."
(Aufzuspüren im Internet, und zwar über die Homepage des Historikers Robert Holzbauer: www.holzbauer.net).

In seinem Beitrag über Rudolf Häuser schreibt Lhotzky von den Angriffen auf die Sozialpartnerschaft unter der ÖVP-Alleinregierung und zitiert Häuser in seiner Funktion als Obmann der GPA. Passend zu diesen immer wiederkehrenden Auseinandersetzungen heißt es als Reaktion auf den Presse-Artikel in einem Leserbrief von Gertrude Enderle-Burcel: 

"Die Dokumentation (...) hat durch Jahrzehnte auf einen Griff handfeste Argumente bei sozialpartnerschaftlichen Verhandlungen, für Informationsbroschüren, für Grundsatzdiskussionen, Schaffung von Leitlinien usw. geliefert. (...) Die geistige und finanzielle Aushungerung der Sowidok hat schon vor vielen Jahren begonnen und immer wieder Befürworter im eigenen Haus gefunden. So genommen ist das Ende der Sowidok nur ein Mosaikstein im langsamen Aushungern und Sterben der Sozialpartnerschaft."
(Die Presse, 10.8.2001, S. 2) 

Lhotzkys biographische Texte werden nicht wie üblich an Eckart Früh und damit an das Tagblatt-Archiv weitergeleitet werden, denn - um es mit den Worten Werner Muhms, des Direktors der AK-Wien, zum "Presse-Bericht über die bevorstehende Schließung der Sozialwissenschaftlichen Dokumentation" zu formulieren:

"Das "Tagblatt-Archiv" ist tatsächlich dem Institut für Zeitgeschichte angeboten worden, dort wäre es am richtigen Platz."
(Die Presse, 3.8.2001, S. 15.)

 Damit schließt sich der Kreis: Die Universität Wien hat in der Ersten Republik die ihr vermachte und ungeliebte Anton-Menger-Bibliothek, eine 16.000 Bände umfassende bedeutende Sammlung sozialistischer Literatur, der eben eröffneten Arbeiterkammer-Bibliothek mit der Begründung überlassen, daß durch diese Übergabe die Institute befreit würden "von dem Besuch so mancher Elemente, die wir gerne von ihnen fernhalten, und überhebt uns von einer Verantwortung, die wir nicht tragen können, und befreit von der steten Gefahr von unwillkommenen und unverdienten politischen Angriffen aus dem sozialistischen Lager."
(Rektoratsakten der Universität Wien 996 ex 1922/23)

So waren und so bleiben sie eben, die Bibliotheken, Archive und Dokumentationsstellen: Sammelbecken unerwünschter Elemente.


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